Rückblick – Vorstellung des Abschlussberichts  »Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland« 

Am 8. Oktober stellten Marina Chernivsky (KOAS) und Friederike Lorenz-Sinai (IRex, Universität Tübingen ) den von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geförderten Abschlussbericht des Forschungsprojekts »Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland« vor. 
Das Grußwort sprach Ferda Ataman (Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung). Kommentare zur Studie sprachen Laura Cazés (ZWST), Ron Dekel (JSUD) und Veronika Kiesche (OFEK Berlin). Die Veranstaltung wurde von Shelly Kupferberg (Deutschlandfunk Kultur und Radio3 beim rbb) moderiert.

Zitate aus der Verastaltung

FERDA ATAMAN (UNABHÄNGIGE BUNDESBEAUFTRAGTE FÜR ANTIDISKRIMINIERUNG): »Was die vorliegende Studie klar zeigt: Der alltägliche, sich schleichende und normalisierende Antisemitismus kommt aus allen Teilen der Gesellschaft. Antisemitische Einstellungen beschränken sich nicht auf einzelne Herkunftsgruppen oder politische Richtungen. […] Jüdinnen und Juden haben nicht viel davon, wenn politische Verantwortliche mit dem Finger auf andere zeigen und Sonntagsreden halten, statt konkrete Verbesserungen für den Alltag anzugehen.«

STUDIENLEITERINNEN: MARINA CHERNIVSKY (KOAS) UND FRIEDERIKE LORENZ-SINAI (IREX): »Der 7. Oktober wirkt für die Studienteilnehmenden als ein ‚Einbruch‘ in ihr Leben – sowohl durch die Überwältigung angesichts der entfesselten Gewalt der Massaker als auch durch den Bruch in der Gewissheit, Teil einer Gesellschaft zu sein, die trägt und Schutz bietet. Die antisemitische Mobilisierung und die gesellschaftlichen Reaktionen darauf haben die soziale Atmosphäre und damit auch die Sicherheitslage der jüdischen und israelischen Community nachhaltig verändert. Die Auswirkungen reichen in nahezu alle Bereiche des Alltags hinein. Die Erfahrung eines passiven wie auch übergriffigen Umfeldes führt zur Neuordnung von Zugehörigkeiten, Sicherheitsüberzeugungen, Abwägen von Lebensentscheidungen und Zukunftsperspektiven und schränkt ein in der gesellschaftlichen Teilhabe.«

RON DEKEL (JÜDISCHE STUDIERENDENUNION DEUTSCHLAND (JSUD)): »Das Schlimmste ist die Normalisierung von Antisemitismus innerhalb der jüdischen Community. Antisemitische Vorfälle, über die vor dem 7. Oktober noch diskutiert und über die man sich empört hätte, werden heute kaum noch thematisiert. Sie sind für viele zur Normalität geworden.«

VERONIKA KIESCHE (OFEK BERLIN): »Die Beratungsstelle beobachtet mit Sorge, dass antisemitische Erfahrungen und Strukturen seit dem 7. Oktober 2023 weiter normalisiert werden. Wie in der Studie dargestellt, werden dadurch die Teilhabe- und Freiheitsrechte von Jüdinnen und Juden massiv eingeschränkt. Es ist aktuell nicht möglich, risikofrei jüdisch und israelisch zu sein. Dies wirkt sich auch auf Kinder und Jugendliche aus. Und auch dort, wo jüdische Menschen nach Unterstützung bitten, werden sie häufig alleingelassen oder mit Antisemitismus konfrontiert.«

LAURA CAZÉS (ZENTRALWOHLFAHRTSSTELLE DER JUDEN IN DEUTSCHLAND (ZWST)): »Wer auf ein existenzsicherndes Arbeitsverhältnis oder bezahlbaren Wohnraum angewiesen ist, kann einem antisemitischen Umfeld nicht einfach durch einen Arbeitsplatz- oder Wohnungswechsel entgehen. Eltern können Schulen oder Kitas ihrer Kinder nicht immer frei wählen oder verlassen. Ältere und pflegebedürftige Menschen sowie Menschen mit Behinderung sind auf verlässliche Pflege-, Gesundheits- und Unterstützungsstrukturen angewiesen. Antisemitismus, häufig auch in Überschneidung mit weiteren Diskriminierungserfahrungen, hat in solchen Verhältnissen deshalb eine besondere Tragweite. Die Entscheidung, sich einer diskriminierenden Situation zu entziehen, kann mit dem Verlust von Einkommen, Wohnraum, Bildung, Versorgung oder Unterstützung verbunden sein. Schutz vor Antisemitismus ist damit unmittelbar eine Frage sozialer Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe.«