Antisemitismus im Lebenslauf

Am 1. März 2026 ist am KOAS das dreijährige Teilprojekt „Antisemitismus im Lebenslauf“ gestartet. Das Projekt ist Teil des Verbundprojekts „Jüdische Re-Aktionen auf Antisemitismus in Bildungsinstitutionen (REACT)“. 

In dem interdisziplinären Verbundvorhaben gemeinsam mit der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg (AWR), dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) in Hamburg und dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen werden die Reaktionen von Jüdinnen und Juden als Betroffene von Antisemitismus sowie die Bedingungen und Einschränkungen ihrer Partizipation in Bildungsinstitutionen untersucht, mit dem Ziel, Antisemitismus in institutionellen Bildungskontexten entgegenzuwirken und jüdische Teilhabe zu fördern. 

In vier Teilprojekten werden (1) Jüdinnen und Juden als sichtbare Akteur*innen untersucht, die sich als Schüler*innen, Studierende und Lehrende gegen Antisemitismus artikulieren und organisieren; (2) Bildungseinrichtungen selbst beforscht, zum einen im Hinblick auf institutionelle Praktiken, Wissensbestände und Normen, die Antisemitismus herstellen und aufrechterhalten; und (3) zum anderen institutioneller Antisemitismus in seiner Wirkung als transgenerationale und biografische Erfahrungskategorie im Lebenslauf von Jüdinnen und Juden; sowie (4) Hochschulen als (Aus-)Bildungseinrichtungen daraufhin untersucht, wie jüdische und antisemitismuskritische Bildung in der universitären Lehramtsausbildung religionsbezogener Fächer entwickelt und verankert werden kann. Die Forschungsergebnisse sollen in die evidenzbasierte Entwicklung von Konzepten für eine inklusive und antisemitismuskritische Bildung, Didaktik der Lehre sowie Organisationskultur einfließen, die in Bildungsinstitutionen, die jüdische Bildung sowie in die Jugendarbeit getragen werden. 

Der Verbund wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen des Forschungsprogramms „Ursachen und Dynamiken des aktuellen Antisemitismus“ gefördert und ist Teil des Forschungsnetzwerks Antisemitismus im 21. Jahrhundert (FoNA21). 

Das Teilprojekt 3 „REACT Antisemitismus im Lebenslauf“ untersucht komplementär zum Teilprojekt 2 „Institutioneller Antisemitismus“ am IRex Erfahrungen mit Antisemitismus in jüdischen Biografien aus lebensgeschichtlicher und transgenerationaler Perspektive. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen institutionellen Antisemitismus auf jüdische Kinder, Jugendliche, Familien, Studierende, junge Erwachsene und Berufstätige.  

Mit dem Forschungsprojekt soll ein Beitrag zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen biografischen Antisemitismuserfahrungen und institutionellen Kontexten geleistet werden. Untersucht wird, wie antisemitische Erfahrungen Lebensverläufe, Bildungsbiografien und gesellschaftliche Teilhabe prägen und welche Bedeutung institutionellen Kontexten für Anerkennung, Schutz und gleichberechtigte Teilhabe zukommt. Das Forschungsvorhaben knüpft an langjährige empirische Forschungen zu Antisemitismus in Bildungs- und Lebenskontexten sowie an Studien zu den Folgen des 7. Oktober an (vgl. Grünberg et al. 2023; Chernivsky / Lorenz-Sinai 2024a, 2024b, 2026; Shani / Gerber / Herb 2024). 

Mithilfe biografisch-narrativer Interviews und multimethodischer Fallstudien in ausgewählten Bildungseinrichtungen werden lebensgeschichtliche Erfahrungen mit Antisemitismus rekonstruiert und analysiert. Ziel des Teilprojekts ist es, empirische Befunde zu generieren und daraus Konzepte für einen antisemitismuskritischen Umgang in Bildungseinrichtungen zu entwickeln, die den Schutz vor Diskriminierung stärken und jüdische Teilhabe nachhaltig fördern. 

Literatur:  

Chernivsky, Marina / Lorenz-Sinai, Friederike (2026): Bundesweite Studie zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. Zwischenbericht. 2., überarbeitete Auflage. Berlin: Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS). 

Chernivsky, Marina / Lorenz-Sinai, Friederike (2024a): Der 7. Oktober als Zäsur für jüdische Communities in Deutschland. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, Jahrgang 74, Heft 25/26, S. 19–24. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/antisemitismus-2024/549359/der-7-oktober-als-zaesur-fuer-juedische-communities-in-deutschland/ [zuletzt aufgerufen am 29.06.2026] 

Chernivsky, Marina / Lorenz-Sinai, Friederike (2024b): Institutioneller Antisemitismus in der Schule. In: Baustein 14, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Berlin: Aktion Courage e.V. 

Grünberg, Kurt / Arnold, Simon / Dierker, Lena / Urban, Matilda (2023): Von der Grenze des Verstehens. Ein Werkstattbericht zum Szenischen Erinnern der Shoah in der Dritten Generation. In: Werthmann-Resch, Lisa / Beier, Thomas / Bouville, Valérie / Höche, Adelheid/ Krummacher, Michael / Pütz, Bernd / Siol, Torsten (Hrsg.): Nachträglichkeit – Deferred action – Après coup. Gießen: Psychosozial, S. 320–346. 

Shani, Maor / Gerber, Jana / Herb, Marie (2024): Der 7. Oktober, ein Jahr danach: Resilienz und Bewältigung unter Juden in Deutschland angesichts zunehmenden Antisemitismus und kollektiven Traumas – Vorläufiger Bericht. Osnabrück: Universität Osnabrück. https://archive.jpr.org.uk/download?id=23909 [zuletzt aufgerufen am 29.06.2026]

Gefördert durch: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt

Antisemitismus im Kontext Hochschule nach dem 7. Oktober

Strukturen, Dynamiken und Handlungsperspektiven

Banner mit Studientitel und Logos des KOAS, des Kooperationspartners IRex sowie Förderers Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Am Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) startet das einjährige Forschungsprojekt „Antisemitismus im Kontext Hochschule nach dem 7. Oktober – Strukturen, Dynamiken und Handlungsperspektiven“. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) durchgeführt und von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Rahmen des Förderaufrufs „Sichtbarmachung und Analyse von Antisemitismus an Hochschulen“ gefördert. 

Das Erkenntnisinteresse der Studie betrifft den Umgang mit Antisemitismus an Hochschulen aus den Perspektiven jüdischer Studierender und Hochschulangehöriger sowie spezialisierter Beratungsstellen. Im Zentrum stehen Erfahrungen von Antisemitismus, institutionelle Umgangsweisen, Fallkonstellationen und Beratungsverläufe sowie die daraus resultierenden Bedarfe und Schutzlücken. Ziel der Studie ist es, antisemitische Dynamiken und institutionelle Routinen im Hochschulalltag differenziert zu rekonstruieren und daraus Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Beratungsstrukturen abzuleiten.

Methodisch folgt die Studie einem qualitativ-rekonstruktiven Forschungsansatz und verbindet narrative Interviews, Gruppendiskussionen, Fall- und Dokumentenanalysen sowie Sekundäranalysen. Ziel ist es, antisemitische Dynamiken, institutionelle Routinen und Schutzlücken im Hochschulkontext differenziert zu rekonstruieren und daraus Handlungsempfehlungen für Hochschulen und Beratungsstrukturen abzuleiten.

Der Anlass der Studie ist die durch zivilgesellschaftliche Melde- und Dokumentationsstellen dokumentierte Zunahme antisemitischer Vorfälle an Hochschulen seit dem 7. Oktober – darunter Bedrohungen, körperliche Angriffe, Ausschlüsse, antisemitische (Bild-)Sprache sowie institutionelle Konflikte in Lehr- und Gremienkontexten. Hochschulen zeigen sich zunehmend als zentrale Orte antisemitischer Artikulationen und politischer Mobilisierung, insbesondere in Form israelbezogenen Antisemitismus. Zugleich zeigt sich eine Veränderung der Qualität und Dynamik der Fälle: Antisemitische Äußerungen und Handlungen treten zunehmend offen, konflikthaft und kollektiviert auf, werden stärker normalisiert und institutionell eingebettet sichtbar. Jüdische Studierende berichten von eingeschränkter Teilhabe, Sicherheitsverlust und dem Rückzug aus dem Hochschulalltag. Trotz der ersten empirischen Einsichten, Fall- und Beratungsanalysen fehlen bislang vertiefte empirische Untersuchungen zu den Erfahrungen jüdischer Studierender und Hochschulangehöriger vor und nach dem 7. Oktober sowie zu den längerfristigen Auswirkungen auf das Gefühl der Sicherheit und Bildungsteilhabe.

In Kooperation mit:

Gefördert durch:

Kidem – Jüdische Kindertagesstätten und demokratische Teilhabe

Das Forschungsprojekt „KiDem – Jüdische Kindertagesstätten und demokratische Teilhabe“ untersucht Erfahrungen, Deutungen und Bedarfe von jüdischen Kindertagesstätten in Bezug auf die anhaltende antisemitische Bedrohung nach dem 7. Oktober 2023.

Die Studie wird als ein Kooperationsprojekt zwischen dem Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) mit dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen sowie der Beratungsstelle OFEK e.V. umgesetzt.

Die Forschung bildet den wissenschaftlichen Teil des Projekts „ATID2.0“, das am KOAS angesiedelt ist und seit 2020 bundesweit im Bereich der Demokratiebildung in der frühkindlichen Bildung arbeitet. Die Studie folgt einem qualitativen, multiperspektivischen Forschungsdesign. Methodisch basiert die Studie auf Interviews, Gruppendiskussionen und einer multiperspektivischen Fallanalyse von ausgewählten Einrichtungen. Auf diese Weise werden unterschiedliche Akteur*innenperspektiven sowie verschiedene Altersgruppen einbezogen. Die verschiedenen Perspektiven werden rekonstruktiv ausgewertet und zueinander relationiert, um je unterschiedliche Wahrnehmungen, Deutungen und Praktiken sichtbar zu machen. Das qualitative Forschungsdesign ermöglicht es, zu untersuchen, wie Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte krisenhafte Ereignisse wahrnehmen, verarbeiten und in ihren Alltag integrieren. In jüdischen Einrichtungen betrifft dies nicht nur die Reaktionen und Bedarfe von Kindern, sondern ebenso die Belastungen von Eltern sowie die professionelle Rolle von Fachkräften, die zugleich stabilisierend wirken und eigene Betroffenheit verarbeiten müssen.

Projektleitung: Dipl.-Psych. Marina Chernivsky (KOAS), Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (IRex)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Hanne Balzer (IRex) 

Forschungskooperation:

Im Rahmen des Projekts:

Förderung:

In Kooperation mit:

Umgang mit Antisemitismus im Kontext der Polizei in Thüringen

Umgang mit Antisemitismus im Kontext der Polizei in Thüringen: mgang mit Antisemitismus durch Polizeibeamt*innen und Polizist*innen in Ausbildung in Thüringen

Im Jahr 2023 startet das Forschungsprojekt „Umgang mit Antisemitismus im Kontext der Polizei in Thüringen“. Unter Leitung von Marina Chernivsky sowie Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai von der Fachhochschule Potsdam und wissenschaftlicher Mitarbeit von Leonie Nanzka wird die Studie am Forschungsbereich des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) in Kooperation mit der FH Potsdam umgesetzt. Die Studie wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und durch den Landespräventionsrat Thüringen gefördert. 

Forschungsteam: 
Marina Chernivsky (Kompetenzzentrum), Sophie Sharon Döhlert (Kompetenzzentrum) und Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (FH Potsdam), Leonie Nanzka (FH Potsdam, Kompetenzzentrum) 

Kurzbeschreibung:
Polizei und Sicherheitsbehörden sind wichtige Akteure in der Gefahrenabwehr, Bewahrung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Im Kontext von Antisemitismus kommt den Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, vor allem bei der Gefahrenabwehr, aber auch bei Repression und Prävention eine zentrale Rolle zu. Dabei stellt sich die Frage, wie Polizeibeamt*innen Antisemitismus wahrnehmen, deuten und einordnen. Die institutionellen Praktiken im Umgang mit Antisemitismus in diesen Kontexten sind bislang in Deutschland kaum untersucht worden. Aufgrund der bundesländerspezifischen institutionellen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen der Polizeiarbeit sind Studien relevant, in denen die Befunde systematisch in den jeweiligen Länderzusammenhang eingeordnet werden. Eine qualitative Herangehensweise ermöglicht die subjektiven und institutionellen Verständnisse von Antisemitismus zu analysieren und die polizeilichen Maßnahmen zu Schutz und Intervention zu rahmen. Ferner können jüdische Perspektiven auf die Interaktion mit der Polizei erhoben und analysiert werden. 

Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, vertiefte Einsichten in die aktuellen polizeilichen Praktiken in der Wahrnehmung von und im Umgang mit Antisemitismus zu ermöglichen und spezifische (Schulungs-)Bedarfe zu identifizieren. Das Forschungsprojekt knüpft an bereits abgeschlossene Forschungsprojekte des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und der FH Potsdam zu Antisemitismus im Bildungswesen und an Gedenkstätten. 

Ansprechpartnerin: forschung@koas-bildungundforschung.de

Chernivsky, Marina / Lorenz, Friederike (2025):
Umgang mit Antisemitismus im Kontext der Polizei in Thüringen. Factsheet. Berlin: Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS)